Simon ist Simon ist Simon
18.03.2006 um 13.47 Uhr | reviews |Wie schreibt man eine Rezension über ein Theaterstück, das einen eher indifferent zurück lässt? Lag es an den Schauspielern, am Stück selbst oder an der leicht müden Zuschauerin, dass sie nach anderthalb Stunden mit einem großen Fragezeichen im Gesicht das Theater verließ?
Ich hatte mich schon mehre Tage auf Die sieben Tage des Simon Labrosse gefreut, weil ich zum einen länger nicht mehr in den Mainzer Kammerspielen war, und zum anderen dringend etwas anderes als Mr. Boyle brauchte. Die Beschreibung klang vielversprechend: „Eine bizarre Satire auf Ich-AG, Arbeitsmarkt, Mediengesellschaft und grenzenlose Selbstvermarktung“. Der seit längerem arbeitslose Simon Labrosse versucht, sich mit ungewöhnlichen Ideen als Dienstleister über Wasser zu halten. So bietet er seine Dienste als Gefühlsstuntman an, als persönlicher Zuschauer, Satzbeender, Egoschmeichler oder Gewissenserleichterer.
Eingebettet wird Simons Rückblick in die jetzt ablaufende Geschichte seines Lebens, die immer wieder in den Rückblick einbricht und Simon aus seinen Illusionen reißt. Zu Beginn begrüßt uns Simon (Martin Plass) im hell erleuchteten Theater, während er seine Requisiten ordnet. Er stellt uns seinen Freund Léo (Mark Himmelmann) vor, einen deprimierten Dichter mit einer Sammlung interessanter Phobien, der gerade deshalb alle deprimierenden Charaktere in Simons Leben spielen wird. Die Frauen in seinem Leben spielt Nathalie (Svenja Assmann), die keine Situation ungenutzt lässt, uns mit ihrer eigenen Geschichte bekannt zu machen – schließlich hat sie ein reiches Innenleben, wie wir noch erfahren werden.
Der Fixpunkt in Simons Leben ist seine Wohnung, in der er jeden Tag Cassetten für eine andere Nathalie bespricht, die nach Afrika gegangen ist. Er erzählt ihr von seinen Ängsten und Hoffnungen, und vor allem von seinen neuen Ideen als Dienstleister. Jeden Abend schaut er die Post durch, ob ein Brief von Nathalie gekommen ist – aber vergebens. Während Simon vor seinem Ghettoblaster kniet, schreibt Leo am Bühnenrand weiter seine Gedichte; eine zusammengekauerte Gestalt mit gelbem Baustellenhelm, die fieberhaft auf einem großen Stapel Papier kritzelt und aus ihrer Versunkenheit nur auftaucht, um die Rahmenhandlung zu erzählen oder als Simons Vermieter wüste Drohungen wegen der überfälligen Miete auszustoßen.
Am Anfang war Simon Labrosse, arbeitslos aber optimistisch. Seine schrägen Ideen verkauft er äußerst wortgewandt und schafft es, sogar die zugeknöpfte Gerichtsvollzieherin in seinen Bann zu schlagen. Die Crux dabei: alle Personen, die er anspricht, sind entweder deprimiert, neurotisch, selber arbeitslos oder leicht psychopathisch. Und zahlen will schon gar niemand für seine Diensleistungen. So arbeitet sich Simon abends von Tee, über Kaffee, zu Bier und schließlich Whisky durch, um seine wachsende Verzweiflung zu ertränken.
Doch nicht nur von Simon fällt die zivilisierte Maske ab, die er uns am Anfang so optimistisch präsentiert hat. Seine beiden Freunde entwickeln zunehmend ein Eigenleben und brechen immer wieder aus der erzählten Geschichte aus. Léo bricht regelmäßig schluchend zusammen und stammelt, dass er nicht weiterspielen kann. Nur das Versprechen, dass er fünf Minuten bekommt, um seine eigenen Gedichte vorzutragen, hält ihn aufrecht. In einer Rolle schließlich bricht sich seine Verzweiflung Bahn und er wandelt sich vom blasierten Geizkragen zum tobenden Misanthropen, der seine Verachtung an allem hinausschreit, bis er auch seine eigenen Gedichte nicht mehr erträgt und in sich zusammenfällt.
Nathalies nutzt Léos Ausraster und Simons wachsende Verzweiflung, um sich in den Vordergrund zu schmuggeln und über ihr Innenleben zu sprechen. Besessen von ihrer Bauchspeicheldrüse, die mit ihr spricht, hat sie einen Arzt dazu überredet, Ultraschallaufnahmen von ihr zu machen. Sie stellt uns diese Bilder wie ein Kunstobjekt dar, und bietet die Sammlung schließlich zum Verkauf an. Ein befreundeter Videoproduzent habe gesagt, sie habe Pozential.
Irgendwie alles schön metafiktional, denke ich, aber an welcher Stelle ist der gezündete Funke nur verpufft? Mark Himmelmann spielt den gequälten und verzweifelten Dichter mit intensiver Zerrissenheit. Man möchte ihn gleich für eine Figur bei Dostojewski besetzen. Martin Plass ist großartig in seiner Eloquenz, und er tänzelt elegant auf dem schmalen Grad vor dem Abgrund. Jedoch werde ich den Eindruck nicht los, dass dieser Abgrund mit weichen Federn gepolstert ist; ihm fehlt die eindringliche Verzweiflung seines Bühnenkollegen. Svenja Assmann schlüpft geschickt zwischen den verschiedenen Rollen als Rahmenerzählerin, innenfixierte Egozentrikerin, verkrampfte Einsame oder strenge Gerichtsvollzieherin hin und her. Sie schafft es aber nicht, mich so zu überzeugen, dass ich vergesse, dass sie eine Rolle spielt.
Am Ende bleibt Simon, allein und desillusioniert, mit nichts als seiner Geschichte. Und seine Geschichte, die kann er doch immer noch verkaufen, oder? Simon blickt ins Publikum – und lacht, und lacht, und lacht …
4 Kommentare »
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Und wo bleibt Simons Sophie? ;-)
Klingt irgendwie toll, die Geschichte. Hach, ich muss auch mal ins Theater. Aber so richtig.
Kommentar von Fireball — am 18.03.2006 um 18:25 # | Editieren
welche Sophie? meinst du die andere Nathalie in Afrika?
die geschichte an sich war gut, aber halt zeitweise etwas schwach umgesetzt, fand ich. generell ist das Kammerspiel hier besser als das große Schauspiel (so ganz subjektiv). bei den “regulären” häusern kann man auch derbe überraschungen erleben, deshalb gehe ich gerne in kleine produktionen und off-theater. die sind meist ziemlich einfallsreich, weil sie halt wenig geld haben. gibts bestimmt auch in Lu :-)
Kommentar von frau poll — am 19.03.2006 um 10:24 # | Editieren
ich darf dich beruhigen: es lag dann definitiv an deiner müdigkeit! ;)
vorab: klasse wie du das stück beschrieben hast, grosses kompliment. wir waren anscheinend am gleichen tag am gleichen ort ;)…deswegen verstehe ich dich eigentlich auch nicht ganz, dass du so einen faden beigeschmack hast!
also ich war ziemlich beeindruckt! die geschichte an sich ist doch einfach genial. nicht nur weil ich mich leider mit simons situation (frau weg, job weg) mal sehr gut identifizieren konnte und die gedankenwelt, ängste und hoffnungen von so nem armen arbeitslosen sehr gut nachvollziehen kann. sondern weil es eben auch ein herrlich zynisches spiegelbild unserer heutigen (medien- und arbeits)gesellschaft ist.
bin bestimmt kein grosser theaterkenner, aber viele szenen sind schon haften geblieben. ich erinner dich nur an das lachen am ende von simon. da hatte ich schon gänsehaut. erst verzweifelt, dann hysterisch und am ende hat er uns als zuschauer ausgelacht, weil wir eben letztendlich eintritt dafür gezahlt haben, “nur” um die geschichte von jemanden zu hören, der ja sonst nix hat. schönes ende - gut rübergebracht. eigentlich belanglos, aber schau ich heute oder morgen ins tv, bekomm ich ja auch nur belanglosen mist vorgesetzt…..genauso, als ob mich jemand verhöhnen würde.
und wie sein freund explodiert ist: “es regnet backsteine auf die erde” ….. hatt er super gemacht, war nen schöner rollenwechsel. und apropos rollenwechsel: svenja assmann! wow! du sagtest es ja schon - sie schlüpft geschickt in zig verschiedene rollen. von der teils genervten erzählerin, über zum mauerblümchen bis hin zur gerichtsvollzieherin. das war doch super und sie auch wirklich verschieden gespielt. und jetzt setz ich noch einen drauf - ich kenn sie sogar, war eigentlich auch nur deswegen dort und wollte sie das erste mal auf der bühne sehen. deswegen muss ich hier auch partei ergreifen und kann nur sagen: so nervig, schrecklich ätzend und total perphiede ist sie definitv nicht! gerade sie hat mich überzeugt. hm - du siehst: wir ham anscheinend 2 verschiedene meinungen…..
nichts desto trotz: war doch trotzdem nen netter abend gewesen, oder? und ja - fireball - du solltest auch wieder mal ins theater gehen. ich machs ja auch viel zu selten, bin aber durch das stück wieder voll auf den geschmack gekommen. denn so 4-5 meter vor den akteuren zu sitzen ist einfach immer wieder was besonderes.
ne schöne jross us kölle
kai
Kommentar von kai — am 23.03.2006 um 19:54 # | Editieren
ha, wie witzig! warst du der kerl, der am ende mit dem blumenstrauß im foyer stand? :-))
das stück ist schon gut, keine frage. stimmt, das mit Simons lache am ende hätte ich noch besser rausbringen können, das war genial. na, und über Léo und die backsteine und die operation und seine gedichte könnte man nen 5-seitigen essay verfassen. schön schräg.
und gruß an frau Assmann. sie ist gut, könnte aber noch mehr aufdrehen :-)
isch sach dann eens, bess demnähx!
Kommentar von frau poll — am 24.03.2006 um 22:28 # | Editieren