Das Amt - Teil 1
18.04.2008 um 11.12 Uhr | das leben | 5 Kommentare1. April 2008. Mainz.
Es ist Dienstag morgen. Vorsichtig schiebt sich die Sonne über den Horizont und lugt in das noch verhangene Schlafzimmerfenster der Frau Pollymere. Ein leises Grunzen ist hörbar, als Frau Pollymere sich noch einmal umdreht, ansonsten herrscht Stille im Haus.
Eine Stunde später fegt ein roter Blitz durch die Innenstadt von Mainz. Den Rucksack prall gefüllt mit Unterlagen saust Frau Pollymere auf ihren frisch montierten Schwalbe Marathon Reifen über den Domplatz, dass sich die ortsansässigen Tauben nur durch einen beherzten Sprung in die Blümchenrabatte vor dem Tod durch Überfahren retten können. Diverse Touristen-Stilleben à la Américaine werden in gekonntem Slalom umfahren, und lediglich das Nachwippen einiger unter der Baseballkappe herauslugender Dauerwellen lassen überhaupt erahnen, dass sich an diesem frühen Morgen in der Innenstadt schon mehr bewegt hat als das Objektiv der Nikon …
Um 8.30 h schwappt eine dynamische Welle in Das Amt. Enter Frau Pollymere.
“Guten Tag, ich bin neu hier und möchte mich arbeitslos melden.”
“Ah ja, füllen Sie bitte dieses Formular aus, dann melde ich sie oben an.”
“Das habe ich schon aus dem Internet geladen, ist es das Richtige?”
“Ja, wunderbar … ich melde sie gerade im 2. OG an. Sie werden dann aufgerufen.”
Wirre Gedankenfetzen ziehen plötzlich unaufgefordert durch ihren Kopf. Kafkaeske Visionen endloser, dunkler Gänge, gesäumt von verzweifelten Gestalten, die sich unter der Last ihres Schicksals kaum aufrecht halten können. Überfüllte Warteräume, wo man sich über die lange Wartezeit gegenseitig mit Broten und Kaffe aushilft und unter Flüstern die Einzelheiten des jeweiligen Erwerbslosenschicksals austauscht. Gelegentlich wird das sanfte Murmeln von einem verzweifelten Aufschrei unterbrochen, der die Menge gleich einer friedlichen Herde grasender Schafe in Aufruhr versetzt.
Frau Pollymere reibt sich die Augen. Sie gleicht die Information auf ihrem Zettel mit dem Schild an der Wand ab: Wartezone 1.1. Der Bereich stimmt, aber alle Stühle sind leer. Wo sind die anderen? Verwirrt nimmt sie Platz und vermutet einen Druckfehler auf dem Zettel. Trotzdem nimmt sie ihr Buch aus dem Rucksack und freut sich auf mindestens eine halbe Stunde Lesen. Jetzt ärgert sie sich ein bisschen, dass sie nicht doch die Thermoskanne mit dem Kaffe mitgebracht hat - und schreckt hoch, als sie ihren Namen hört.
“Frau Pollymere?”
“Äh, ja …”
“Kommen Sie bitte mit durch.”
“Oh, ich bin schon dran?”
Hektisches Zusammensuchen von Mantel, Schal, Handschuhen, Rucksack, Buch, mp3-Player. Man führt sie schließlich in ein helles, freundliches Büro, vor dessen Fenster ein großer Baum steht, der den Frühling mit lauter grünen Knospen ankündigt. Die Sonne scheint auf den Schreibtisch, und für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen.
Fortsetzung folgt
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