Rückwärts
14.01.2008 um 22.50 Uhr | das leben | Kein Kommentar“Was war passiert?” fragte sich Semmel in bester Töpperwien’scher Tradition. Frau Pollymere kratzte sich darob am ergrauten Haupt und dachte lange nach. “Eigentlich war nicht wirklich viel passiert”, dachte sie, “mal so rein objektiv betrachtet. Aber von außen sieht alles immer ganz einfach aus, nur, wenn man von innen raus guckt, ist plötzlich alles viel komplizierter.”
Wenn man Frau Pollymere das Jahr über beobachtete, sah an der Oberfläche alles ganz ruhig aus. Sie schlief viel. Sie war erschöpft. Gelegentlich blinzelte in die Sommersonne, die im letzten Jahr eher selten ihren Auftritt hatte und dachte, dass das eigentlich sehr schade sei, jetzt nicht draußen zu sein. Aber sie war so schrecklich müde und durcheinander. Dann setzte sie sich mit ihrer Latte Macchiato auf den winzigen Balkon, hielt ihr Gesicht in die Sonne und döste vor sich hin. So ging der Sommer vorbei, und dann der Herbst.
Im Herbst wurde sie von einigen Sturmböen noch mehr durcheinander gewirbelt und Frau Pollymere verfiel in hektische Betriebsamkeit. Achherrje, neuer Job, jaja, Abschluss, dringend, schnell weg da weg da weg da, und sie fühlte sich wie Herman van Veen damals in der Kindersendung mit der Mühle, die fliegen konnte. Ah, Sie wollen hier arbeiten? Jaja, wunderbar, kommen Sie vorbei. Achnein, wissen Sie, vielleicht lieber doch nicht, Ihr Profil ist zu allgemein. Hallo? Wasislos? Schubladendenker, die Buchstaben abgleichen, links MBA, rechts MA, da fehlt ein B, jaja, da geht nichts, nein, was denken Sie sich denn. Müde, schrecklich müde. Ruckediguh.
Es wurde Winter und Frau Pollymere hatte eigentlich keine Lust auf Winterschlaf. Sie hatte schließlich den ganzen Sommer verschlafen. Nur, was tun? Sie kochte sich eine leckere Latte Macchiato mit Baileys und dachte noch einmal lange nach.
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